Neue Balance finden – und überraschen

Kitzingen  Es war eine Überraschung. Aber eine mit Ansage. Daniel Nagl ist der neue Bezirksvorsitzende der Junge Union in Unterfranken. Mit 30 zu 26 Stimmen setzte er sich gegen seinen Vorgänger Fabian Weber aus Ebern durch. Jetzt will der Kitzinger frischen Wind in die Jugendorganisation der CSU bringen.  Frecher soll sie werden. Überraschender.

Interview von Ralf Dieter

Warum haben Sie sich für den Posten als JU-Bezirksvorsitzender beworben? Waren Sie mit der Arbeit Ihres Vorgängers unzufrieden?

Nagl: Ich will auf keinen Fall nachtreten, aber eine inhaltliche Arbeit hat in den letzten zwei Jahren kaum stattgefunden. Diese Rückmeldung habe ich aus vielen Kreisverbänden erhalten.

Und sich zur Wahl gestellt.

Nagl: Ja. Nachdem mir einige Kreisverbände gesagt haben, dass sie sich einen anderen Führungsstil wünschen, habe ich gemerkt: wird eng, aber könnte klappen.

Was wollen Sie besser machen als ihr Vorgänger?

Nagl: Wir brauchen aus meiner Sicht drei Standbeine: Kritisch-visionäres Denken, Anpackertum aber natürlich auch gesellige Events. Die Balance hat in den letzten Jahren nicht mehr gestimmt. Es fehlte der inhaltliche Drive.

Wie wollen sie mehr Schwung in die Junge Union bringen?

Nagl: Zunächst mal müssen wir uns organisatorisch besser aufstellen, soziale Medien intensiver bespielen und unsere Homepage auf den Stand des 21. Jahrhunderts bringen. Und dann müssen wir Themen glaubwürdig besetzen, mit jungen Köpfen, die dahinter stehen.

Welche Themen sind Ihnen besonders wichtig?

Nagl: Digitalisierung und pragmatisch-effektive Umweltpolitik.

Nichts wirklich Neues.

Nagl: Wir müssen auch nicht das Rad neu erfinden, aber unsere Positionen deutlich äußern und uns noch mehr vernetzen.

So wie es die Grünen seit Jahren tun?

Nagl: Mir geht es um mehr als plakative Forderungen, wie sie unter anderem auch bei den Friday for Future-Demonstrationen aufgestellt werden. Und wenn ein Youtuber wie Rezo behauptet, es gäbe nur eine Lösung, dann schwillt mir als Fan des gepflegten politischen Streitgespräch der Kamm. Themen wie der Klimaschutz sind sehr komplex und bieten sehr wohl Anlass zur kontroversen, differenzierten Debatte. Diese tut unser politischen Kultur auch gut. Aufgabe der JU, wie aller jugendpolitischen Verbände ist es natürlich Position zu beziehen, aber auch Hintergrundwissen zu verbreiten, anstatt zu versuchen, mit einfachsten Parolen Kids zu ködern. Was da aktuell abgeht, erinnert mich leider stark an eine Volkssage, nur dass die Flötenspieler heute Katarina und Robert heißen.

Wie wollen Sie diese Stärkung der politischen Bildung hinbekommen?

Nagl: Durch Veranstaltungen, zu denen wir Vertreter ganz unterschiedlicher Interessensverbände einladen. Wenn es um die Zukunft des Waldes geht, müssen wir auch die Sorgen von Jagdpächtern, Landwirten und Förstern ernst nehmen. Forderungen, wie „Rettet das Klima“ sind schnell aufgestellt. Wer aber z.B. den notwendigen Waldumbau meistern will, um gesunde CO2-bindende Wälder zu haben, jedoch die Abschusszahlen so hochzieht, dass Jagdpächter hinwerfen, der gefährdet sein Ziel. Genauso wird man sich im 20%-Emissions-Land China hüten, irgendeine Maßnahme des 2%-Land Deutschland zu kopieren, wenn wir unsere Wirtschaft mit einer kopflosen Energiewende an die Wand fahren. Wir würden unser globales Ziel krachend verfehlen. Solche Zusammenhänge wollen wir kommunizieren.

Werden Sie damit junge Menschen überzeugen?

Nagl: Ich bin überzeugt davon, dass gerade die jungen Menschen sich nicht mit „einfachen Wahrheiten“ abspeisen lassen, sondern sich einbringen, kontrovers debattieren und etwas bewegen wollen. Aber dafür muss man ihnen auch eine Plattform bieten.

Ist die CSU dafür die richtige Partei?

Nagl: Ich weiß, dass die CSU teilweise als überaltert wahrgenommen wird. Aber die Wahrheit ist, dass etliche Weichenstellungen der letzten Monate und Jahre auf Vorschläge der Jungen Union basierten.

Zum Beispiel?

Nagl: Nehmen Sie das Baukindergeld. Eine Idee der JU, die als Antrag in Bundes- und Landtag beraten wurde. Statt sich immer und immer wieder davon zu überzeugen, dass man auf der moralisch vermeintlich richtigen Seite steht, packen allein in Unterfranken über 1.700 junge Menschen in JU-Ortsverbänden, Gemeinde- und Stadträten, als Ideengeber für örtliche Abgeordnete und mit Judith Gerlach sogar als anschiebende Staatsministerin mit an, unser Land weiter zu entwickeln. Das ist manchmal müßig. Aber so funktioniert Politik eben.

Warum sind Sie CSU-Mitglied geworden?

Nagl: Gute Frage. Mit 14 hatte ich lange Haare und bin mit dem Skateboard über umgekippte Stoiber-Plakate gesprungen. Auf der anderen Seite war ich im Sportverein aktiv und Oberministrant. Da zieht man natürlich die Aufmerksamkeit des CSU-Ortsverbands auf sich. Und auch das C im Parteinamen bedeutete und bedeutet mir was. Nach der Grundschule saß ich oft am Küchentisch meiner Großmutter, die als junge Frau aus gänzlich apolitischer Kleinbauern- und Winzer-Familie von den Sowjets aus Ungarn vertrieben wurde. Ich habe ihren Geschichten gelauscht. Da bekommt man, nicht mit 9 oder 10, aber im Rückblick, ein Gefühl dafür, was Frieden, was unsere Freiheit in Europa, was aber auch Arbeitsethik bedeutet, wenn man sich ansieht, was diese Generation erreicht hat. Diese Werte sehe ich bis heute am glaubwürdigsten in der CSU vertreten. 

Sie sind mit kurzer Hose, Hemd und Baseball-Cap zum Interview erschienen. Finde ich sehr sympathisch. Frau Becker möglicherweise nicht.

Nagl: Sie spielen auf ihre Aussage an, dass die JUler vor allem durch schlecht sitzende Anzüge und langweilige Haarschnitte auffallen?

So hat sie es gegenüber dieser Zeitung formuliert. Was entgegnen Sie ihr?

Nagl: Äußerlichkeiten sind nicht entscheidend – eben so wenig, wie es das Geschlecht sein sollte. Darum halte ich es für falsch, über Quoten zu diskutieren. Entscheidend sollte Leistung sein. Sowohl männliche Führungskräfte als auch manche FU-Vertreterin sollten sich dies in der Diskussion bzw. beim Aufbau von Führungskräften gelegentlich in Erinnerung rufen. Ich jedenfalls bin froh, dass wir sowohl im engeren Bezirksvorstand und bei unseren Vertretern auf Landesebene mit Stefanie Hümpfner (HAS), Christina Henke (AB-S), Isabell Rott (HAS) und Rena Schimmer (WÜ) ganz ohne Quote die Hälfte der Posten mit jungen Powerfrauen besetzen – weil sie gut sind. Dazu kommen Karoline Wallrapp (Theilheim) als junge stv. CSU-Bezirksvorsitzende, sowie Sabrina Stemplowski (KT) und Juliane Demar (NES) als motivierte JU-Kreisvorsitzende. Es würde mich freuen, wenn bis 2021 noch die ein oder andere Kreisvorsitzende dazu kommt. In Kitzingen steht die nächste Generation ja schon in den Startlöchern.

Wer ist Ihr politisches Vorbild?

Nagl: Ich würde sagen, alle proeuropäischen, liberal-konservativen Kräfte in der CSU. Dazu zähle ich unter anderem Franz-Josef Strauß, Ingo Friedrich, Bernd Posselt und Theo Waigel. Sowie unsere Bürgermeister die vor Ort persönlich anpacken und oft mit viel Kreativität Lösungen vorlegen müssen.

Der amtierende Ministerpräsident Markus Söder hat die JU aufgefordert, frecher zu sein.

Nagl: Den Wunsch erfülle ich ihm gerne. Wobei ich das Wort frecher gerne mit dem Wort überraschender tauschen würde.  

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